Artikel für die Neue Deutsche Biographie, November 2002
(wegen sachlicher und stilistischer Änderungen der Redaktion im März 2003 zurückgezogen):

Schenck (Schenk) zu Schweinsberg, Freiherren (seit 1875)

Der Name des hessischen Uradelsgeschlechts kommt zuerst 1241 vor, als Ritter Guntramus pincerna mit dem SIGILLVM PINCERNE DE SVENNESBERC siegelte. Er war damals wahrscheinlich Schenk des Grafen Berthold von Ziegenhain, seit 1249 auch Schenk der Landgräfin Sophie von Thüringen, der Tochter der heiligen Elisabeth. In der namengebenden Burg Schweinsberg auf einem kleinen Basaltkegel im Ohmtal, nach der sich zuerst 1215 der ziegenhainische Ministeriale Hermann von Schweinsberg nannte, besaßen später alle Linien der Familie ihre Häuser; im Erbteilungsvertrag von 1555 werden allein 4 Häuser der ausgestorbenen jüngsten Linie genannt. Die Ganerbschaft Burg Schweinsberg war durch Burgfrieden geregelt, die seit dem 15. Jahrhundert überliefert sind. Noch heute gehören die Befestigungsanlagen der Burg der Gesamtfamilie (Familienstiftung Samtbau).

Guntrams Vorfahren waren landgräflich thüringische Burgmannen zu Marburg und zu Grünberg (zuerst Ludwig von Marburg 1138/39) und Vögte des Stifts Essen in Fronhausen an der Lahn (zuerst Guntram Vogt 1199); die Nebenlinie der Vögte von Fronhausen ist 1583/84 ausgestorben. Guntrams Söhne, von denen die heute noch blühenden Linien Schweinsberg und Hermannstein sowie die 1550 im Mannesstamm erloschene jüngste Linie abstammen, und deren Nachkommen nannten sich Schenken von Schweinsberg wie ihr Stammvater, ohne aber Schenken zu sein; das hessische Erbschenkenamt erhielt erst Eberhard Schenk der Jüngere zwischen 1413 und 1427 als Lehen von Landgraf Ludwig I. von Hessen. Das erbliche Ehrenamt hat den hessischen Kurstaat überdauert und bis 1918 als preußisches Erbamt in Kurhessen fortbestanden. Der Familienälteste, zur Zeit Dipl.-Ing. Edgar Frhr. Schenck zu Schweinsberg (35260 Stadtallendorf-Schweinsberg), führt noch heute den traditionellen Titel „Erbschenk in Hessen“.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Angehörige der Familie in weltlichen Diensten vor allem landgräflich hessische und erzbischöflich mainzische Räte und Amtleute; in geistlichen Diensten stellte die Familie Domherren zu Mainz, zu Wetzlar und zu Worms, mehrere Fürstäbte zu Fulda, verschiedene Deutschordens-Komture und einen Johanniter-Komtur zu Basel und Rheinfelden. Für das 15./16. Jahrhundert sind 3 Persönlichkeiten aus der Hermannsteiner Linie besonders zu nennen: Johann der Jüngere (+ 1506) war von 1473 bis 1499 Marschall der oberhessischen Landgrafen und gehörte von 1483 bis 1489 zu den Statthaltern, die für den unmündigen Landgrafen Wilhelm III. die Regierungsgeschäfte führten; er wohnte seit 1481 auf dem Hermannstein bei Wetzlar, ließ aber auch die Burg Schweinsberg vom landgräflichen Festungsbaumeister Hans Jakob v. Ettlingen um 1482 (Jahreszahl im Schlußstein des Torbogens) nach neuesten Erfordernissen der Kriegskunst ausbauen. Sein Bruder Hermann (+ 1521) stand als Rat und Amtmann in oberhessischen und nassauischen Diensten und gehörte seit 1509 zu der landständischen Regentschaft während der Minderjährigkeit Landgraf Philipps des Großmütigen, die 1514 von dessen tatkräftiger Mutter Landgräfin Anna gestürzt wurde. Johanns Enkel Rudolf (+ 1551) war seit 1530 Rat und Diener Landgraf Philipps von Haus aus, wurde 1537 Landvogt an der Werra mit Sitz in Schloß Eschwege und von 1543 an Statthalter in Kassel während der Abwesenheit des Landgrafen, auch während dessen Gefangenschaft.

Seit der Reformation ist die Familie überwiegend evangelisch, doch sind zwei prominente Mitglieder der Hermannsteiner Linie in ihrer Jugend wieder katholisch geworden: Johann Bernhard (1584-1632) wurde 1623 Fürstabt zu Fulda und fiel in der Schlacht bei Lützen, Johann Rudolf (1664-1731) war würzburgischer Geheimer Rat und Oberamtmann sowie fuldischer Rat und begründete einen 1882 im Mannesstamm erloschenen bayerisch katholischen Ast.

Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert wählten die Mitglieder der Familie vornehmlich militärische oder Hofdienste, zumeist (aber nicht ausschließlich) in Hessen-Darmstadt und in Hessen-Kassel bzw. seit 1867 in Preußen. Sie waren Offiziere in hessischen und in nassauischen, aber auch in holländischen, russischen und anderen Diensten. Im 18. Jahrhundert finden wir z.B. einen hessen-kasselschen Generalleutnant als Gouverneur von Oberhessen und Kommandant in Marburg, einen hessen-darmstädtischen Oberst als Kommandant in Gießen und einen nassau-oranischen Oberst als Kommandant in Dillenburg, im 19. Jahrhundert einen kurfürstlich hessischen Generalleutnant als Gouverneur in Ziegenhain und einen kurfürstlich hessischen Generalmajor als Kommandant in Kassel sowie mehrere preußische Generalmajore. Im Hofdienst als Hofjunker, Kammerjunker oder Kammerherren waren die Schenken offenbar besonders gern in Darmstadt, und zwar nicht erst, seit es den Kasseler Hof nach 1866 nicht mehr gab.

Die „Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck 1830-1930“ enthalten Kurzbiographien des kurhessischen Staatsministers Ferdinand Schenck (1765-1842), über den jetzt auch eine gute Biographie aus der Feder seines kürzlich verstorbenen Ururenkels Dr.jur. Krafft Frhr. Schenck zu Schweinsberg vorliegt, seines Sohnes Wilhelm (1809-1867), Dr.jur., kurhessischer Geheimer Rat und später preußischer Regierungspräsident, des deutschen Diplomaten Gustav Adolf (Gustolf) Schenck (1843-1909), des Darmstädter Archivdirektors Dr.jur. Gustav Schenk (1842-1922) und des Kasseler Konsistorialpräsidenten Kurt Schenk (1858-1929).

L ADB 31; Günther Franz, Lebensbilder aus dem 19. Jahrhundert (Beitr.z.Gesch.d.Freiherren Schenck zu Schweinsberg 1), Schweinsberg 1950 [um einen Quellenanhang erweiterter Sonderdruck aus: Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck 1830-1930, hrsg. von Ingeborg Schnack (Veröff.d.Hist.Komm.f.Hessen und Waldeck 20), Bd. 4, Marburg 1950, S.331-363]; Karl August Eckhardt, Die Schenken zu Schweinsberg, in: Hess.Jb.f.Landesgesch. 3, 1953, S.96-149; Karl E. Demandt, Der Personenstaat der Landgrafschaft Hessen im Mittelalter (Veröff.d.Hist.Komm.f.Hessen 42), Marburg 1981, 2.Teil, S.739-751; Wilhelm A. Eckhardt, Zur Geschichte von Burg und Stadt Schweinsberg, in: Schweinsberg 650 Jahre Stadt, Marburg 1982, S.15-20; ders., Schenck’sche Häuser und Höfe in Schweinsberg, ebd. S.21-33; Henning Becker, Familiensoziologische Untersuchungen hessischer Ganerbenfamilien des 14. bis 17. Jahrhunderts am Beispiel der Schenken zu Schweinsberg und der von Hatzfeld, Diss. Berlin 1983 (maschinenschriftlich); Wilhelm A. Eckhardt, Die hessischen Erbhofämter, in: Hess.Jb.f.Landesgesch. 41, 1991, S.85-104; Geneal.Hdb.des Adels, Frhrl. Häuser Bd. 17, Limburg 1994, S. 404-441; Wilhelm A. Eckhardt, Die Ahnen des Amtmanns Philipp Schenck zu Schweinsberg, in: ders., Miszellen und Vorträge (Beitr.z.hess.Gesch. 10), Marburg 1995, S.78-84; Friedrich v. Petersdorff, Stammtafeln der Freiherren Schenck (Schenk) zu Schweinsberg, Schweinsberg 1997; Krafft Schenck zu Schweinsberg, Im Dienste glanzloser Kronen, Aus dem Leben des kurhessischen Staatsministers Ferdinand Schenck zu Schweinsberg (1765-1842) (Veröff.d.Hist.Komm.f.Hessen 46,6), Marburg 2001.

Wilhelm A. Eckhardt